Naturkatastrophen und staatliche Eingriffe: Die wichtigsten Internetstörungen im zweiten Quartal 2026

Lai Yi Ohlsen

Lesezeit: 9 Min.

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Solange alles gut geht, wird gern übersehen, wie fragil das Internet eigentlich ist. Das hat das Web mit anderen Arten von Infrastruktur gemeinsam. Seine Komplexität tritt erst dann voll zutage, wenn es nicht mehr richtig funktioniert. Cloudflare ist in einzigartiger Weise in der Lage, die Momente zu erkennen und zu dokumentieren, in denen eines der miteinander vernetzten Systeme, auf die sich das Internet stützt, ausfällt und die Konnektivität beeinträchtigt. Wir bieten jedes Quartal einen Überblick über die Störungen, die bei Cloudflare Radar verzeichnet und kommentiert werden. 

Den längsten Ausfall verursachte im zweiten Quartal 2026 Supertaifun Sinlaku nördlich von Guam. Zu staatlichen Abschaltungen des Webs kam es im Berichtszeitraum am häufigsten im Sudan, wo diese von der Regierung während der Prüfungszeit angeordnet wurden. Der Iran stellte den Internetzugang für seine Bürger nach einer 88-tägigen Unterbrechung landesweit wieder her, während anderswo in dieser Weltregion Drohnenangriffe weiterhin Störungen bei der AWS-Infrastruktur verursachten. Schließlich verdeutlichten ein Kabelschaden in Saint Lucia und die Ausgabe fehlerhafter DNSSEC-Signaturen in Deutschland die Fragilität der Internet-Infrastruktur, aber auch die bemerkenswerte Stabilität dieser regionalen und globalen Systeme unter normalen Betriebsbedingungen.

An dieser Stelle wollen wir näher auf die schwerwiegendsten Internetstörungen eingehen, die von uns im zweiten Quartal 2026 beobachtet wurden. Wir zeichnen anhand von Traffic-Daten von Cloudflare Radar den Ablauf der einzelnen Vorfälle und ihre Auswirkungen für die Benutzer vor Ort nach. Wie gewohnt bieten wir keine erschöpfende Liste aller Zwischenfälle, sondern stellen die bemerkenswertesten Störungen vor, die gesichert stattgefunden haben. Eine umfassendere Aufstellung der registrierten Traffic-Auffälligkeiten finden Sie im Outage Center von Cloudflare Radar.

Naturkatastrophen und Stromausfälle verursachen Störungen in Guam, Venezuela und Tansania

Sinlaku, der bislang stärkste tropische Wirbelsturm der Taifunsaison des Jahres 2026 im Pazifik, ist Mitte April über die Marianen hinweggefegt und nördlich mit geringer Entfernung an Guam vorbeigezogen. Die Insel wurde also nicht direkt getroffen, doch mit dem Supertaifun gingen Winde mit der Stärke eines tropischen Wirbelsturms einher, die auf ganz Guam Wasserversorgungssysteme beeinträchtigt und Stromausfälle verursacht haben. Dies hatte direkte Auswirkungen auf die Internetkonnektivität. So sank der Datenverkehr aus dem Gebiet vom 13. auf den 14. April um bis zu 80 % unter das eigentlich zu erwartende Niveau. 

Zwei Monate später, am 25. Juni, ereigneten sich in Nordvenezuela – genauer gesagt in Yumare und San Felipe – zwei schwere Erdbeben in einem zeitlichen Abstand von etwa einer Minute. Es folgte ein Nachbeben in Küstennähe unweit von Caracas. Das erste Beben erreichte eine Stärke von 7,5 und fand ungefähr um 00:04 Uhr MESZ (18:04 Uhr am 24. Juni Ortszeit) statt. Die unmittelbaren Auswirkungen dieser Ereignisse sind bei Radar zu sehen, wo das Volumen der übertragenen HTTP-Bytes während der Erdbeben deutlich sinken. Besonders gut ist dies bei dem Anbieter Fibex Telecom zu sehen, der laut APNIC-Daten über schätzungsweise 1,6 Mio. Benutzer verfügt. Erkennbar ist der Rückgang aber auch bei dem staatlichen Hauptanbieter CANTV und bei dem etwas kleineren Internetdienstleister VNET.

Nur wenige Tage später, am 27. Juni, führte ein Stromausfall in Tansania zu einem starken Rückgang des HTTP-Traffics für mindestens fünf Stunden. Die Ursache war eine andere als bei dem im Oktober 2025 im Zusammenhang mit den Wahlen im Land verzeichneten Ausfall (der nicht auf einen Infrastrukturdefekt zurückzuführen war, sondern von der Regierung gezielt herbeigeführt wurde). Doch die dabei erhobenen Telemetriedaten und der Einfluss auf die Benutzer waren nahezu identisch: Aufgrund einer dramatischen Einschränkung der Konnektivität konnten die Einwohner nicht mit ihren Angehörigen kommunizieren oder wichtige Nachrichten erhalten. 

Es ist bemerkenswert, dass von Grund auf verschiedene Ereignisse wie diese sich auf derart ähnliche Weise auf die Daten und die Benutzererfahrung niederschlagen. Zusammen zeigen diese auf das Wetter und die Stromversorgung zurückzuführenden Störungen die enormen Auswirkungen, die Ereignisse in der physischen Welt auf den digitalen Raum haben können. Außerdem machen sie deutlich, welche wichtige Rolle Internetresilienz und eine ausreichenden Netzwerkredundanz in Bezug auf die Stromversorgung, das Routing und physische Verbindungen spielen, wenn Netzwerke unvermeidlichen Verwerfungen standhalten sollen.

Regierungen und Geopolitik nehmen Einfluss auf Konnektivität in den VAE und im Iran, Irak und Sudan

Radar hat ab dem 26. Mai Anzeichen für die zuvor angekündigte Wiederherstellung der Internetverbindung im Iran registriert. Dies markierte das vorläufige Ende einer 88-tägigen Abschaltung, im Rahmen derer das Land ab dem 28. Februar nahezu vollständig vom Web abgeschnitten war. Am 27. Mai meldete Radar, dass der Traffic wieder 40 % des vor dem Ausfall verzeichneten Niveaus erreicht hat. Damit wurde die Internetanbindung teilweise wiederhergestellt. Dies deckt sich mit Berichten, wonach der Zugang zum Web nur selektiv und nicht umfassend ermöglicht wurde. Anschließend haben wir beobachtet, dass das HTTP-Bytes-Volumen vorübergehend auf bis zu 90 % des vor der Kappung des Internets registrierten Niveaus angestiegen ist, bevor es sich bei etwa 59 % eingependelt hat. Dies entspricht dem von uns im Februar verzeichneten Traffic – einem Zeitfenster zwischen dieser jüngsten Abschaltung und einer früheren im Januar. Die Konnektivität hat sich somit wohl nicht vollständig normalisiert, sondern liegt nur wieder auf dem Niveau, das sie zuletzt vor der Abschaltung erreicht hatte. In unserer Analyse zur Fußballweltmeisterschaft 2026 stach der Iran als einziger Ausreißer hervor: Während der Datenverkehr in den meisten Teilnehmerländern in Einklang mit den Spielterminen zu- und abnahm, waren die Messwerte des Iran vom Kontrast zwischen dem Niveau nach der Wiederherstellung der Anbindung und dem vorausgegangenen, fast vollständigen Konnektivitätsverlust geprägt.

Währenddessen liegt der für me-central-1, eine AWS-Cloud-Region in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE), bestimmte HTTP-Traffic weiter auf niedrigem Niveau. Dies stimmte mit den AWS-Betriebsberichten vom 30. April überein, denen zufolge die Weltregion „durch den Nahost-Konflikt in Mitleidenschaft gezogen wurde und derzeit nicht in der Lage ist, Kundenanwendungen zuverlässig zu unterstützen.“ Dem waren Berichte vom 3. März vorausgegangen, laut denen sowohl in den VAE als auch in Bahrain „durch Drohnenangriffe Infrastruktur beschädigt“ wurde. In den VAE wurden zwei Standorte „direkt getroffen“ und in Bahrain verursachte ein Drohnenangriff in der Nähe einer Anlage Schäden an ihrer Infrastruktur. Der verringerte Traffic ist keine Folge eines Netzwerkfehlers, sondern das nachgelagerte Kennzeichen eines physischen Schadens an der zugrunde liegenden Rechenzentrumsinfrastruktur. Die Drosselung sorgt weiterhin für Beeinträchtigungen bei den in dieser Weltregion gehosteten Websites und Anwendungen, die ansonsten erreichbar wären.

Außerdem gab es im zweiten Quartal 2026 drei staatlich angeordnete Abschaltungen im Irak (am 2. Juni, 11. Juni und 28. Juni) sowie zehn im Sudan zwischen dem 13. und 23. April. In allen Fällen wollte man damit Betrug bei landesweiten Prüfungen einen Riegel vorschieben. Solche Maßnahmen haben wir in den vergangenen Quartalen in beiden Ländern immer wieder zu Prüfungszeiten dokumentiert. Im Sudan folgten die Ausfällen einem festen Rhythmus: Jeder dauerte ungefähr dreieinhalb Stunden, von 13:45 Uhr bis 17:15 Uhr MESZ/Ortszeit – der Zeit, in der Prüfungen stattfanden. Die Ausfälle im Irak erstreckten sich dagegen jeweils nur über etwa 90 Minuten, fielen aber ebenfalls auf die Zeiten, in denen Prüfungen abgehalten wurden.

Jedes dieser Beispiele – ob es sich nun um eine Wiederherstellung oder eine Störung handelt – veranschaulicht, welch große Kontrolle ein Staat über die landesweite Konnektivität hat und wie leicht er das Internet abschalten, drosseln oder nur in ausgewählten Bereichen wiederherstellen kann, und zwar nicht aus infrastrukturellen, sondern aus politischen Beweggründen.

Beeinträchtigung von Benutzern durch Infrastruktur-Schwachstellen in Deutschland und Saint Lucia 

Am 5. Mai hatte ein Wechsel der DNSSEC-Schlüssel bei der Registrierungsstelle für die deutsche .de-Domain zur Folge, dass ungültige Signaturen erzeugt wurden. Die zur Signierung der DNS-Einträge einer Zone verwendeten kryptografischen Schlüssel werden regelmäßig geändert. Das gehört zur Wartungsroutine, ist aber ausgesprochen wichtig, weil die DNSSEC validierenden Resolver nur Antworten akzeptieren, deren Signaturen mit den aktuell veröffentlichten Schlüsseln übereinstimmen. Mit anderen Worten: Entsprechen die digitalen Signaturen nicht den erwarteten Werten, geht der Resolver von einer Manipulation der Website aus und verweigert den Zugriff. Als ungültige Signaturen erzeugt wurden, lehnten Validierungsresolver weltweit jede Anfrage für Websites mit der .de-Domain ab und beantworteten diese mit einer SERVFAIL-Fehlermeldung. Um 01:15 Uhr MESZ am 6. Mai wurde der Normalbetrieb wiederhergestellt. 

Cloudflare Radar hat während des Ausfalls einen Anstieg der .de-Abfragen weltweit beobachtet. Dies mag auf den ersten Blick vielleicht überraschen. Der Grund dafür ist, dass fehlgeschlagene Antworten faktisch nicht im Cache gespeichert werden können. Deshalb mussten Abfragen, die normalerweise einfach aus dem Cache heraus beantwortet worden wären, stattdessen erneut mehrfach einer Auflösung unterzogen und wiederholt werden. Das hatte einen starken Anstieg der Abfragenzahl zur Folge.

Für die Benutzer stellte sich der Vorfall nicht als DNS- oder Kryptografie-Fehler dar, sondern schlicht und ergreifend als eine Flut von plötzlich nicht mehr erreichbaren .de-Websites und -Diensten. Man konnte weiterhin auf Seiten zugreifen, die nicht die Top Level Domain .de nutzten. Die Benutzer waren aber damit konfrontiert, dass Seiten nicht luden, E-Mails nicht zugestellt wurden und es bei Anwendungen zu Zeitüberschreitungen kam. Alle diese Probleme können auch bei einem Ausfall auftreten. Mehr zu DNSSEC und den Folgen der beschriebenen Vorfälle erfahren Sie in unserem Blogbeitrag zu diesem Thema.

In der Karibik führte eine Infrastrukturpanne zu einer ähnlichen Einschränkung der Verfügbarkeit. Am 21. Juni sank der HTTP-Anfrage-Traffic aus dem Netzwerk von Karib Cable bis etwa 23:00 Uhr MESZ (17 Uhr Ortszeit) praktisch auf null. Daran änderte sich fast einen Tag lang so gut wie nichts, bis der Datenverkehr am 22. Juni um etwa 19:00 Uhr MESZ (13:00 Uhr Ortszeit) wieder zu den erwarteten Werten zurückkehrte. Berichten zufolge wurde der Ausfall durch einen Glasfaserdefekt in der Nähe der Inselgruppe verursacht. Dies ist ein bekanntes Problem karibischer Netzwerke, die das Internet nur über eine geringe Zahl von terrestrischen Verbindungen und Seekabeln erreichen können, sodass durch einen einzelnen Ausfall unter Umständen ein unverhältnismäßig großer Teil der Kapazität nicht mehr zur Verfügung steht. Da Karib Cable zu den führenden Anbietern vor Ort zählt, war der Ausfall landesweit spürbar, denn während seiner Dauer ist der gesamte Datenverkehr von Saint Lucia gegenüber der Vorwoche um ungefähr 60 % eingebrochen.

Radar behält Störungen weiter im Blick

Zu den vielfältigen Ursachen der im zweiten Quartal 2026 beobachteten Internetstörungen gehörten Unwetter, ein Erdbeben, Stromausfälle, staatlich angeordnete Abschaltungen, eine Beschädigung der Cloud-Infrastruktur, Kabelausfälle und eine DNSSCE-Fehlkonfiguration. Diese Vorfälle zeigen, dass das Internet auf zahlreiche komplexe Systemen angewiesen ist. Da diese miteinander verbunden sind, kann schon der Ausfall eines einzigen davon einen Verlust der Konnektivität zur Folge haben.

Das Team von Cloudflare Radar hält ständig nach Störungen im Internet Ausschau und veröffentlicht seine Beobachtungen im Outage Center von Cloudflare Radar, in den sozialen Netzwerken und in Beiträgen auf blog.cloudflare.com. Folgen Sie uns auf Social Media bei @CloudflareRadar (X), noc.social/@cloudflareradar (Mastodon) und radar.cloudflare.com (Bluesky).